Mikroplastik – größer als man denkt

Doch die größte Problematik liegt nicht im Kunststoff selbst. Sondern in der Entsorgung und ständigen Neuproduktion von Kunststoffteilen.

Vortrag 44. Innatex von Norbert Henzel (Carl von Ossietzky-Universität, Oldenburg)

Mikroplastik – was ist mit Makroplastik?

Ja, wir wissen, dass das Meer voller Plastik ist – voll von Mikroplastik und auch voll von Makroplastik. Sofort kommen mir die Bilder vor Augen in denen sich Schildkröten in Plastik von Mehrfachdosen verheddern, Fische aufgrund von Strohhalmen sterben und riesigen Plastikinseln, die durch die Meere schwimmen.

Doch Mikroplastik ist etwas anderes. Es ist und bleibt Plastik – es ist nur kleiner, viel kleiner. Als Mikroplastik definiert man Plastik mit einem Durchmesser beziehungsweise einer Faserlänge von weniger als fünf Millimeter.

Auch wenn es immer so wirkt, als ob es ein neues Thema wäre, so ist dem nicht so. Mikroplastik-fasern und -Pellets wurden bereits Anfang der 70er Jahre gefunden. Offiziell wurde dann 2008 eine Definition für Mikroplastik festgelegt, was vielleicht auch die Wahrnehmung der „neuen Thematik“ erklärt.

Auf meinem Besuch bei der 44. Innatex Mitte Januar habe ich mir nicht nur aktuelle Modetrends angeschaut, die aus Naturtextilien sind, sondern auch einen sehr spannenden Vortrag von Norbert Henzel von der Carl von Ossietzky-Universität (Oldenburg) angehört.

Vorab kann ich schon mal sagen, dass wir auch oft in die falsche Richtung gelenkt werden, was das Thema Mikroplastik angeht – daher möchte ich diesen Beitrag nutzen, um mein gewonnenes Wissen zu teilen. Basierend auf Studien, Untersuchungen und aktuellen wissenschaftlichen Einsichten gibt es vieles, was über Mikroplastik hiermit aufgeklärt werden kann.

Gerne lade ich Dich weiterhin ein bei dieser Reise des Projekts ‚Change is Now‘ dabei zu sein. 

Hintergrundwissen zum Thema Mikroplastik

Nun haben wir also erstmal geklärt, was Mikroplastik ist und, dass es gar nicht erst ein Thema der Neuzeit ist.

chronologie mikroplastik und kunststoffabfälle bineloveslife

Woher kommt Mikroplastik?

Die primären Quellen (alphabetische und nicht gewichtete Liste) von Mikroplastik sind Lippenstift (unter anderem auch Gloss), Kosmetika generell, Peelings, Reinigungs- und Waschmittel. 

Sekundäres Mikroplastik entsteht durch Fragmentierung. So zerfällt eine Plastiktüte – zum Beispiel  – durch äußere Einwirkungen wie mechanische und chemische Prozesse (Sauerstoff, Ozon, Salze). 

Ausserdem entsteht Mikroplastik auch durch die Einwirkung von UV-Strahlung, dem Auswaschen von Weichmachern und Temperatureinwirkungen auf größere Plastikteile. Das ist generell auch wichtig zu wissen, denn so weiß man, dass Mikroplastik sich auch auflösen kann – es dauert eben nur mehrere Jahrhunderte. 

einträge mikroplastik in die umwelt bineloveslife
Quelle: https://www.umsicht.fraunhofer.de/content/dam/umsicht/de/dokumente/publikationen/2018/kunststoffe-id-umwelt-konsortialstudie-mikroplastik.pdf

Der Weg des Mikroplastik

Mikroplastik gelangt jedoch nicht nur ins Wasser und somit in die Meere der Welt, sondern ist auch im Boden und in Lebensmitteln zu finden. 

Doch wie kann es dahin kommen?

Der Weg ins Meer ist noch ganz einfach zu erklären, denn über gereinigte Abläufe von Kläranlagen, Mischwasserüberläufe, die Niederschlagsentwässerung und auch den Direkteintrag von Schiffen (Müll wird direkt vom Schiff entsorgt) gelangt Mikroplastik in die Gewässer der Welt.

Doch es gelangt auch „diffus“ ins Meer. So nimmt es den Weg über die Atmosphäre, Abschwemmungen, das Grundwasser, Transport durch Tiere und einfach „Umweltverschmutzung“ (in Fachkreisen als Littering bezeichnet) ins Meer.

Das Thema Mikroplastik im Meer ist wahrlich viel tiefgreifender als ich es jetzt hier darstelle. Weiterführende Literatur, die definitiv zu empfehlen ist, ist die folgende Studie über Mikroplastik.

mikroplastik in den weltmeeren bineloveslife

Was mir jedoch gar nicht bewusst war, ist, dass Mikroplastik auch in den Boden eingetragen wird. Vor allem der Abrieb von Reifen ist hierbei immens. Ausserdem kommt es auch durch den Abrieb von Fahrbahnmarkierungen, Verwitterung von Lacken, Farben und landwirtschaftlich eingesetzten Stoffen in den Boden. Mit landwirtschaftlich eingesetzten Stoffen sind vor allem Plastikplanen gemeint: zwei Stichwörter Erdbeeren und Spargel.

Auf der Messe hatte uns der Dozent auch erzählt, dass Mikroplastik über Klärschlamm in den Boden kommt. So ist es zum Beispiel in seinem Heimatgebiet – Oldenburg liegt in der Nähe von Bremen und Landwirtschaft wird dort sehr groß geschrieben – üblich, dass die Landwirte den Klärschlamm von den Abwasserbetrieben abkaufen, da er nahrhaft und ideal als Dünger für die Böden ist. Nun ist aber auch klar, dass durch das Waschen in der Waschmaschine Mikroplastik ins Abwasser gerät. Dadurch kommt also auch Mikroplastik in den Boden und somit schlussendlich auch in Lebensmittel.

globales mikroplastik bineloveslife
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Stand der Dinge

Ja, mir hätte klar sein können, dass wenn ich diesen Text schreibe, es sofort auch wie eine Anklage klingt. Das soll es nicht. Es soll wie ein Weckruf klingen. Wir verändern uns grad als Familie in Bezug auf Konsum und Lebensstil und möchten Nachhaltiger werden – mehr dazu gibt es immer unter #ChangeIsNow hier auf BineLovesLife zu lesen. Vielleicht macht noch jemand mit. Viel wichtiger aber: auch die produzierenden Unternehmen, die Politik und der Handel müssen mit an diesem Strang ziehen. 

Am spannendsten fand ich an der Recherche für diesen Artikel vor allem, dass es nicht mal der Plastikstrohhalm oder die Plastiktüte ist, die so gefährlich für unsere Umwelt ist. Anmerkung der Redaktion: ich möchte diese beiden Punkte jedoch nicht Kleinreden. Auch das Benutzen von Peelings mit Mikroplastik, Duschgelen, Zahnpasta, etc, sind nicht die „Hauptverursacher“ von Mikroplastik. 

Viel mehr wirkt sich neben dem Abrieb von Reifen aber das Waschen von Textilien auf die Ansammlung von Mikroplastik aus.

Das wirklich schockierende ist ja auch, dass Mikroplastik sich nicht wirklich „auflöst“, sondern weiterlebt. Wenn es also ins Meer gelangt und dort durch Ansiedlung von Biofilm schwerer wird und tiefer ins Meer fällt, ist der Zersetzungsprozess langsamer. Das bedeutet also, dass es tiefer im Ozean eine Schicht auch Plastik gibt, die weiter wächst und für uns an der Oberfläche gar nicht sichtbar ist.

Gibt es „böse“ Textilien?

Zum Thema Textilien hatte ich bereits letzte Woche eine kleine Übersicht von Öko Siegeln und Zertifikaten aufgelistet. Dennoch sind auch in den Siegeln und Zertifikaten nicht immer alle Aspekte ideal abgedeckt. Denn Kunststoff wird noch sehr oft eingesetzt. Dazu muss es jedoch bessere Richtlinien – nein, eher strengere Richtlinien – geben, die sich auch der Umwelt zu liebe bemerkbar machen.

Gibt es also „böse“ Textilien“? Gute Frage. Und sicher ja! So habe ich auf der Innatex gelernt, dass Acryl-Garn mehr Fasern und Kunststoffbruch abgibt als Polyester. Weichspüler verstärkt dazu diese Wirkung des Lösens. In einer Studie von 2011 gab es dazu von Mark Browne interessante Erkenntnisse.h

Dem Thema Textilien, die aus Plastik recycelt werden, stehe ich nun auch kritisch gegenüber. Denn wenn man doch noch Energie aufwenden muss, um das Plastik zu reinigen und auf die Weiterverarbeitung vorzubereiten, dann ist es sicher nicht ganz so „sauber“. Doch da scheiden sich eindeutig die Geister und auf der Innatex habe ich einige Marken gesehen, die nur so funktionieren: sie nehmen Plastikmüll und machen daraus Kleidung. Eigentlich ist der Gedanke auch sehr schön, denn so geht kein Rohstoff verloren. Das Thema „Recycling“ wird somit komplett aufgenommen. 

Und jetzt? Lösungsansätze

Ich trage auch Sportkleidung, wenn ich joggen gehe und wenn ich meinen Sport mache. Meine Kinder tragen auch ihre Regenjacken, ihre Fleecepullover. Sollen wir nun alles wegschmeißen? Vor allem in den letzten Wochen und sicherlich auch passend zum neuen Jahr und den damit einhergehenden Wünschen nach Veränderungen und Vorsätzen fürs neue Jahr habe ich viel über das „Aufräum-Prinzip“ von Marie Kondo gelesen und gesehen. Ich persönlich finde jedoch, dass als Resultat davon oft auch einfach nur noch weggeschmissen wird. Das ist nicht das, was Marie Kondo meint. Sie ist eine Japanerin und wer schon mal in Japan war, wird wissen, dass die Menschen dort – vor allem aber in Tokyo – auch einfach weniger Platz haben und somit lernen mit dem wenigen Platz, den sie haben, zu wirtschaften. Doch Marie Kondo ist kein Lösungsansatz für Mikroplastik. 

Viel mehr gibt es andere Anregungen, um Mikroplastik einzudämmen oder ganz zu verbannen. 

Ideen sind zum Beispiel: 

Keine Chemiefasern mehr für Bekleidung herzustellen

Das würde jedoch auch bedeuten, dass wir keine neue Fleecekleidung mehr kaufen könnten. Gebraucht kann man jedoch sicher noch etwas kaufen. Dennoch stellt sich auch die Frage, ob es überhaupt möglich ist.

Plastikfrei

Eine andere Alternative ist Plastikfrei zu leben. Vor allem bei Kosmetik lässt sich wirklich viel einsparen und auch Plastiktüten zu benutzen ist nicht sinnvoll. Plastikfrei ist jedoch auch oft nicht so einfach wie es aussieht. Man denke nur an Bücher, die ja teilweise auch in Plastik verpackt sind. Ich meine gar nicht das Plastik, welches direkt am Buch ist, sondern die Verlage, die große Büchersendungen an Buchläden in riesigen Plastikplanen eingewickelt liefern. Hierzu werde ich noch etwas mehr recherchieren, denn das Thema Plastikfrei geht recht leicht von den Lippen – als Wort – bedeutet aber so viel mehr, was wir als Konsument teilweise gar nicht sehen oder ahnen können.

Anders Wäsche waschen

Mit dem Wäschesack kann man Mikroplastik auffangen – ich habe also gelesen, dass es den „Guppyfriend“ gibt. Einen Wäschesack, der für die Textilien, die Kunststoffe enthalten, gedacht ist. Man steckt seine Kleidung rein, wäscht ganz normal und nach ein paar mal Waschen wird dann – ähnlich wie bei anderen Filtern – der „Mikroplastikdreck“ sichtbar und lässt sich entsorgen. 

Eine Richtlinie für Kunststoffverbrauch und sicherlich Kunststoffbedarf und Verwendung von Kunststoffen muss einheitlich geregelt werden. So muss es zuerst mal auch anerkannt werden, dass Kunststoffe nicht in die Umwelt gehören. Hierbei kann man regulierend durch Gesetzesänderungen an die Wirtschaft herantreten. Weiterhin macht es auch Sinn, wenn die Kunststoffemissionen (also die Abgabe von Kunststoff) reduziert wird. 

Das Fraunhofer Umweltinstitut hat dazu eine sehr spannende und interessante Tabelle aufgestellt, die eine Übersicht und Bewertung über die Punkte „Kreislaufwirtschaft der Kunststoffe forcieren“ und „Kunststoffemissionen reduzieren“ gibt.

Generell habe ich für die Recherche von diesem Artikel auch feststellen müssen, dass es bisher keine gesetzlichen Verordnungen zum Thema Mikroplastik gibt. Da könnte man also ideal ansetzen.

Mikroplastik – komplexer als man denkt

Immer wieder Samstags schreibe ich mehr zu Themen, die mich bewegen und die mal mehr über mich preisgeben – oder auch zum philosophieren einladen:

#SABINESSATURDAY

qualitative darstellung der unzureichenden wirkung verschiedener gesetzlicher und freiwilliger maßnahmen bineloveslife

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