Muttergefühle

Oder:

Wieso ich manchmal zur Löwenmama, Bärenmama und Wolfsmutter werde.

 

Ich kann laut sein. Ich kann böse werden. Ich kann das schon lange. Doch seit dem ich Kinder habe, kann ich das, ohne darüber nachzudenken. Es ist etwas in mir, dass mich manchmal überrascht. Mich zum weinen bringt und mehr als nur Adrenalin in mir ist.

 

Muttergefühle.

Ich habe starke Gefühle für meine Kinder: ich liebe sie und finde, dass sie unglaublich grandios sind. Alles, was sie lernen ist quasi ein Filter. Ihr eigener Filter, den jeder Mensch anders hat, lässt sie anders auf diese reagieren und mit dieser Welt umgehen.

Nun ist es vor ein paar Wochen mal wieder passiert: ich bin ausgerastet. Die Löwenmama in mir ist rausgekommen.

Ich war lange danach mal wieder sehr verunsichert – der ganze Nachmittag war quasi dahin.

Über Einzelheiten möchte ich mich hier nicht auslassen, sondern das „dahinter“ verstehen. Und sicherlich auch erklären.

In einer Welt, in der die meisten Eltern ihren Kindern keinen Freiraum lassen, lasse ich meine Kinder oft gehen. Ich ermögliche unserem vierjährigen Sohn schon fast allein zum Kindergarten zu gehen. Ja, der Kindergarten ist nicht weit weg – quasi nur 500 Meter von unserem Haus und dennoch ein großer Weg für ein Kind.

Da die kleine Kaiserin noch im Kinderwagen sitzt, bin ich nicht immer so schnell wie Junior auf dem Fahrrad. Ich lasse ihn auch mal bis zum Ende der Straße fahren und bitte ihn dort zu warten. Auf dem Fußgängerweg. Danach gehen wir zusammen über die Straße. Wir üben wie man rübergeht.

 

Schrei für Dein Kind

Ich schreie laut, denn als es dann soweit war und Junior von einem anderen Fahrradfahrer angefahren wird; der Fahrradfahrer kam von links und hatte nicht nach rechts geschaut; renne ich los. Ich bin nur knapp 10 Meter entfernt und doch ist mein Entsetzen groß. Rechts vor links sage ich nur. Und: er hatte doch die ganze Zeit geklingelt. Ich bin rasend, Vor Wut. Vor wilder Wut. Vor Muttergefühlen. Und vor Adrenalin.

Als ich mich wieder umdrehe und der Fahrradfahrer noch dasteht kommt nur: er hat sich ja nicht weh getan, es war nur der Schreck. Möchten Sie sich nicht entschuldigen, entgegne ich.

Er setzt an: Auf dem Fahrradweg sollten Sie… Nein, sage ich schon etwas lauter, Nein, auf dem Fahrradweg dürfen Kinder bis acht Jahren Fahrradfahren. Und Sie müssen rechts vor links beachten.

Imme noch keine Entschuldigung.

Dann kommt schon eine andere Mutter, die wir vom sehen aus der Kita kennen. Sie beruhigt mich – oder versucht es zumindest.

Der Fahrradfahrer setzt weiter an: sie sollten auch eher bei ihrem Kind sein. Das war wohl der Satz, der alles ausgelöst hat. Ich fange an zu schreien – so laut, dass ich meinen eigenen Schall in den Häusern höre. Ich schreie: sie haben rechts vor links zu beachten, Kinder dürfen bis sie acht Jahre alt sind auf dem Fahrradweg fahren.

Ach ja, fragt er verwundert. Dann rufen wir doch die Polizei an und ich frage für sie, sage ich nur.

Sie sollten viel ruhiger werden – sagt er. Und ich werde hysterisch. Egal wie: es war wild. Ich musste viel weinen im Nachhinein und das einzige, was mir half mich abzulenken war, dass ich zu Hause mit den Kindern „Katze“ spielte und auf allen vieren durch die Wohnung krabbelte. In der Küche stellten wir eine Schüssel mit Milch auf, um daraus zu schlecken.

Und doch bleiben diese Fragen…die mich bis jetzt am Abend verfolgen:

Darf man seinem Kind keinen Freiraum geben und es mit dem Fahrrad vorfahren lassen?

Wann genau hört diese Welt auf, Kindern die Schuld zu geben?

Darf ich meine Kinder so lautstark verteidigen?

Ich bin sprachlos. Von noch anderen Sätzen, die gesagt wurden. Gesten, die gezeigt wurden und einfach von allem. Eine Szene, wie in einem Film: alle auf dem Platz und sogar bis zu anderen Straße schauten uns zu.

 

Wer sind wir denn, wenn Kinder keinen Raum mehr bekommen?

In unserer Stadt wird es bald mehr Fahrradwege geben. Die Stadt – die Innenstadt speziell – soll noch offener und freier für Fahrradfahrer werden. Aber um welchen Preis? Ich liebe Fahrrad fahren. Ich finde es sehr modern und richtig, dass man nicht nur alles mit dem Auto macht. Seit unserer Zeit in Bern bin ich quasi zur „Fussgängerin“ geworden. Ich mag es so mobil zu sein und dennoch genug zu sehen. Die Kinder können, wenn wir zu Fuss unterwegs sind, auch deutlich mehr machen. Anhalten, Grashalme beobachten. Tauben jagen. Autos nachwinken. Alles ist möglich und dennoch habe ich dieses Unbehagen in meiner Brust: wird es überhaupt die richtige Entscheidung für unsere Gesellschaft sein?

Eine Gesellschaft, die Bunt-Out unter den Tisch kehrt. Die Work-Life-Balance feiert und damit eigentlich nur meint, die Kinder mit sechs Monaten Vollzeit in die Kita geben. Eine Gesellschaft, die nicht mehr mit der Technologie mithalten kann und jeder immer mehr arbeiten muss, sich mehr beweisen muss, um eigentlich doch weniger zu erreichen. Eine Gesellschaft, die es okay findet, wenn es immer diese Zweifel gibt.

Ich habe unheimlich gerne gearbeitet. Vollzeit und Vollblut. Wahrscheinlich war ich schon immer Vollblut. Nun bin ich halt Vollblutmama und schreie auch mal, wenn etwas passiert, von dem ich denke, dass es meinen Kindern schadet.

Wenn Du merkst, dass es etwas zu verändern gibt, dann pack an.

Seitdem ich endlich durchschaut habe, dass „YOLO“ bedeutet: You only live once. Ist genau das mein Motto! Denn dieses Leben habe ich nur einmal und genau so ist es perfekt und richtig. Ich kämpfe gerne. Für mehr Rechte für Kinder. Und später bestimmt auch wieder für mehr Rechte für Frauen in der Arbeitswelt. Aber alles zu seiner Zeit.

 

Brauche ich eine Therapie, wenn ich so stark reagiere, dass ich sogar noch am Abend über meine Reaktion nachdenke?

 

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#MOMMYMONDAY

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